
Der Freundeskreis Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität hat vom 29. August bis 5. September 2026 eine lange geplante Gartenreise in die Normandie unternommen. Zwischen Chantilly und Argoules im Département Somme standen zwölf Gärten auf dem Programm, die sehr unterschiedliche Aspekte der europäischen Gartengeschichte thematisieren. Neben diesen sorgfältig ausgewählten Gärten mit zum Teil spektakulären Pflanzen stand der Maler Claude Monet, an dessen 100. Todestag in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert wird, als weiteres Leitthema im Mittelpunkt der Reise.
Auftakt in den Gärten von Château de Chantilly
Erster Tag. Die lange Strecke in die Normandie will man selbst im bequemen Reisebus nicht an einem Stück absitzen. Warum auch, wenn es unterwegs so viele lohnende Ziele für eine Zwischenübernachtung gibt. Unsere Wahl fiel auf das charmante Städtchen Chantilly, wo es die Möglichkeit gibt, eine der bedeutendsten Schlossanlagen Frankreichs zu besuchen. Das Château de Chantilly ist vielen aufgrund seiner hochkarätigen Kunstsammlung bekannt. Uns interessierten aber an erster Stelle die ausgedehnten Gartenanlagen, deren zentraler Teil, der französische Garten von André le Nôtre, als Musterbeispiel einer barocken Gartenanlage gilt.

André le Nôtre (1613-1700) war der einflussreichste Landschafts- und Gartengestalter seiner Epoche. Als oberster Gartenarchitekt Ludwig XIV. entwarf er die Gärten von Versailles, der Tuilerien, Fontainebleau und zahlreiche weitere Barockgärten in Frankreich. Er beeinflusste damit die Gartenentwicklung in ganz Europa. Die Gartenanlage von Chantilly entwarf er ab 1663, kurz nachdem die Arbeiten in Versailles begonnen hatten. In der Rückschau hat er Chantilly stets als einen seiner Lieblingsgärten bezeichnet.
Der französische Garten in Chantilly besticht heute vor allem durch seine strenge geometrische Form und die monumentalen Wasserspiegel. Für Pflanzenfreunde wirkt die Anlage eher nüchtern, da die großen Parterres heute nur noch als Rasenflächen angelegt sind. Im späten 17. Jh. waren diese Rasenparterres von kunstvollen Stickereiparterres umgeben, in denen niedrige, ornamental geschwungene Buchsbaumhecken mit farbigen Substraten in den Zwischenräumen ein Teppichmuster ergaben. Hinzu kamen saisonal bepflanzte Blumenborduren, Formschnittgehölze und zahlreiche Skulpturen. Der Garten in dieser strengen französischen Form war als scharfer Kontrast zum Chaos der umgebenden Natur konzipiert. Er steht für den Triumpf der Ordnung und untermauert den Machtanspruch der absolutistischen Herrscher über den Menschen und die Natur. Ein Garten als Symbol für die Unterwerfung der Natur, das ist der erste Eckpunkt unser Gartenreise. Aber es gibt in Chantilly auch noch andere Zeugnisse der Gartengeschichte. Der anglo-chinesische Garten des späten 18. Jh. mit seinen idyllischen kleinen Bauernhäusern – dem Hameau – und der romantische englische Garten aus dem 19. Jh. bezeugen den Wandel in der Sicht des Menschen auf die Natur.
Haus und Garten von Claude Monet in Giverny
Zweiter Tag. Am folgenden Morgen geht es von Chantilly weiter in Richtung Rouen mit Zwischenstopp in Giverny. Hier haben wir zur Mittagszeit die Besichtigung des Gartens von Claude Monet gebucht, eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Normandie mit rund 700.000 Besuchern pro Jahr. Um diesen Ansturm zu regulieren, gibt es feste Zugangszeiten. Im leichten Nieselregen warten wir also, bis uns um kurz vor 12 Uhr der Eintritt gewährt wird. Der Rundgang führt zunächst in den berühmten Seerosengarten mit der grünen japanischen Brücke, die auf vielen Gemälden Monets verewigt ist. An ein Foto mit einer menschenleeren Brücke ist natürlich nicht zu denken, aber es ist auch nicht so voll, wie man vielleicht befürchtet hat.

Liegt es am grauen Wetter oder an der zu regelmäßigen Anordnung der vielen Seerosensorten im trüben Teich? Das erwartete Erweckungserlebnis bleibt zunächst aus. Überzeugender ist der Hauptgarten auf der anderen Straßenseite, wo sich auch das Haus des Malers befindet. Hier sind die Blütenfarben üppig und die Stauden zum Teil so hoch, dass man sich darin verlieren kann. Monet, heißt es, hat die Pflanzen für seinen Garten selbst ausgesucht und bei den renommiertesten Züchtern bestellt. Bis zu sechs Gärtner habe er zeitgleich beschäftigt, um die Anlage zu pflegen. Wie dicht ist sie heute noch am damaligen Zustand? Man kann zahlreiche Arten und Sorten entdecken, die zur Zeit Monets noch nicht erhältlich waren. Aber beim Verlassen des Gartens sieht man ein Foto, das den betagten Maler im Jahr 1921 in seinem Garten zeigt, umgeben von blühenden Rosen an einem runden Pelargonienbeet, das von graulaubigen Nelken eingefasst ist. Der Gesamteindruck, das muss man anerkennen, ist heute nicht viel anders als damals.

Der Botanische Garten Jardin des Plantes de Rouen
Nach diesem blühenden Farbenspektakel wirkt der Jardin des plantes in Rouen geradezu vernünftig. Er ist ein städtischer botanischer Garten mit umfangreichem Pflanzenbestand und öffentliche Parkanlage in einem. Die Geschichte dieses Gartens reicht bis ins späte 17 Jh. zurück, aber erst 1832 erwirbt ihn die Stadt Rouen, um ihren botanischen Garten hierhin zu verlegen. Auf dem Eingangsschild sind seine wissenschaftlichen Aufgaben klar definiert: Erhaltung und Wertschätzung der Pflanzenvielfalt, aber auch Umweltbildung und Veröffentlichung eines Index Seminum. Über dieses Samenverzeichnis steht der Jardin des plantes auch im Austausch mit dem Botanischen Garten der Universität Mainz. Einige der tropischen Gewächshäuser sind am späten Sonntagnachmittag noch geöffnet. Die Pflanzen darin sind in ausgezeichnetem Zustand, kaum Schädlinge, gute Etikettierung und Gestaltung. Bemerkenswert ist unter anderem ein Jackfruchtbaum (Artocarpus heterophyllus) mit schönem Fruchtansatz.

Les Jardins d’Angelique in Montmain
Dritter Tag. Erste Station an diesem Morgen ist ein Besuch der Jardins d’Angelique in Montmain, nur wenige Kilometer östlich von Rouen. Von der Straße aus ist nicht zu erkennen, welches Kleinod sich hier verbirgt. Man betritt das Anwesen über eine schmale Allee, die sich zu einer großen Rasenfläche vor dem Herrenhaus aus dem 18. Jh. öffnet. Hier erwartet uns die Eigentümerin Gloria Le Bellegard, die diesen Garten seit 1989 schrittweise angelegt hat und ihn heute weitgehend allein pflegt. Die Jardins d’Angelique bestehen aus einem romantischen englischen Garten mit großen Gehölzen, schmalen Graswegen und Staudenbeeten auf der Vorderseite des Hauses und einem kleineren, formal angelegten Garten auf der Rückseite des Hauses. Die Beete sind dort mit Buchs eingefasst und fast ausschließlich mit weiß blühenden Sträuchern und Stauden bepflanzt. Das ganze Anwesen ist von einer alten Ziegelsteinmauer umschlossen.

Die Gärten, erklärt uns Gloria Le Bellegard, sind eine Hommage an ihre früh verstorbene Tochter Angelique. Trotz dieses traurigen Hintergrunds haben die Gärten nichts Schweres oder Bedrückendes, sieht man von den deutlichen Spuren des Buchsbaumzünslers einmal ab. Nein, es ist ein heiterer Garten, eine Oase der Ruhe, in dem uns ein großer Taschentuchbaum (Davidia involucrata), ein wunderbarer Schneeglöckchenbaum (Halesia carolina) und eine sehr aparte schlitzblättrige Erle (Alnus glutinosa 'Imperialis') besonders aufgefallen sind.

Skulpturenpark von Château de Vascoeuil und Stadtführung Rouen
Nach einer Mittagspause im Dorf Lyon-la-Forêt mit seinen pittoresken Fachwerkhäusern geht es weiter zum Château de Vascoeuil. Die Fahrt führt über schmale Straßen durch einen der schönsten Buchenwälder Frankreichs. Das Château de Vascoeuil und sein umgebender Park mit französischem Garten stellen nicht die Pflanzen in den Mittelpunkt, sondern bilden die Kulisse für eine umfangreiche Skulpturensammlung teils sehr berühmter Künstler. Die Inszenierung der Skulpturen in den Blickachsen des Gartens ist sehr überzeugend, genauso wie der Café gourmand im Salon de thé auf dem Gelände des Gartens.

Am späten Nachmittag folgt eine Stadtführung durch Rouen mit der berühmten Kathedrale als einem der Höhepunkte. Deren Westportal bildet in der gleißenden Nachmittagssonne einen weiteren Schnittpunkt mit unserem zweiten Leitthema, dem Maler Claude Monet. Zwischen 1892 und 1894 hat er von dieser Seite die berühmte, 33 Gemälde umfassende Bilderserie der Kathedrale bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, Tageszeiten und Stimmungen gemalt. Wir haben dagegen nur ein paar Augenblicke, um die gotische Fassade auf uns wirken zu lassen, dann geht es weiter.

Die hängenden Gärten von Le Havre
Vierter Tag. Vom Hotel in Rouen geht es nach Le Havre. Unser Ziel sind die Hängenden Gärten (Les Jardins suspendus) in der ehemaligen Festungszitadelle hoch über dem Hafen der Stadt. Schon das Panorama von den Festungswällen auf die rekonstruierte Stadt und die Mündung der Seine ist atemberaubend. Die Hängenden Gärten entstanden 2008 im Rahmen eines städtebaulichen Projekts zur Umgestaltung der 1856 im Vauban-Stil erbauten Festung. Leitthema der neu geschaffenen Gärten mit tropischen Gewächshäusern ist die Entdeckungsgeschichte und Reise der Pflanzen über die Ozeane nach Europa. Ohne Frage ein passendes Thema für eine Stadt, die Ausgangspunkt zahlreicher Entdeckungs- und Forschungsreisen war und über deren Handelshafen Kaffee und andere tropische Nutzpflanzen eingeführt wurden.

Wir erkunden die Hängenden Gärten vom Nordeingang aus, vorbei an großen, jedoch arg zerzausten Exemplaren der Gelleepalme (Butia odorata). In Mainz wäre diese Palmenart aus Südbrasilien auf keinen Fall winterhart, aber selbst hier, an der milden Küste des Ärmelkanals, scheint sie Probleme zu haben. Durch einen zweiteiligen Tunnel führt der Weg durch die Festungswälle ins Innere der ehemaligen Zitadelle. Dort sind auf den vier Bastionen Themengärten zur Flora Nordamerikas, Ostasiens, Australiens sowie für neu eingeführte Pflanzen der letzten Jahrzehnte angelegt. Wir richten unsere Aufmerksamkeit allerdings vorwiegend auf die tropischen Gewächshäuser, von denen das Wasserpflanzenhaus und das Sukkulentenhaus am stärksten überzeugen.

Das Hafenstädtchen Honfleur
Danach verbringen wir eine ausgedehnte Mittagspause im Hafenstädtchen Honfleur, einem touristischen Hotspot und Pflichtprogramm jeder Reise in die Normandie. Honfleur gilt als Wiege des Impressionismus, auch Claude Monet malte hier als junger Mann im Jahr 1864, und bis heute ist die Stadt von zahlreichen Galerien geprägt. Wer bis in die ruhigeren Straßen im historischen Zentrum von Honfleur vorgedrungen ist, konnte vielleicht noch den modern gestalteten Jardin du Tripot mit bepflanzen Wasserbecken und Kunstwerken zwischen den verwinkelten Häuserzeilen entdecken. Bevor es zurück nach Rouen ging, folgte am Nachmittag die Besichtigung einer Calvados-Destillerie in Coudray Rabut mit hochprozentiger Verkostung. Santé!

Abtei Saint-Georges de Boscherville
Fünfter Tag. Wir verlassen Rouen und machen uns auf den Weg zu den berühmten Felsklippen von Étretat. Zunächst gilt es aber noch die Abtei Saint-Georges in Saint-Martin-de-Boscherville zu besichtigen. Wie fast alle Gärten auf unserer Reise ist auch der Garten dieses 1113 gegründeten, ehemaligen Benediktinerklosters vom Comité des Parcs et Jardins des französischen Kulturministeriums als Jardin remarquable, als bemerkenswerter Garten, ausgezeichnet.

Die etwa vier Hektar große Gartenanlage wurde 1992 basierend auf Ausgrabungen und Archivdokumenten des 17. und 18. Jh. restauriert. Eine breite, zentrale Achse, die mit polsterbildenden Zwergsträuchern, Gräsern und Stauden bepflanzt ist, führt zum Pavillon des Vents am höchsten Punkt des Gartens, wo wir mit einem grandiosen Ausblick auf das Seine-Tal in Richtung Westen belohnt werden. Die ganze Anlage ist von einer hohen Klostermauer aus Kreide- und Feuersteinen umschlossen. In diesem oberen Teil gibt es neben dem Pavillon geometrisch angeordnete Baumpflanzungen und ein Labyrinth aus Eibenhecken. Auf den darunterliegenden Gartenterrassen sind Weinreben, Lavendel und Apfelbäume gepflanzt. Ein großer Gemüsegarten und ein Garten der fünf Sinne liegen nahe der Abtei. Klostergärten wie dieser, die neben Obst und Gemüse auch die damals bekannten Arzneipflanzen anbauten, bewahrten im Mittelalter das gärtnerische und botanische Wissen der Antike. Die ersten botanischen Gärten, die ab Mitte des 16. Jh. an den Universitäten entstanden, fußten auf diesem Erfahrungsschatz.
Les Jardins d’Étretat und die Kreideklippen der Alabasterküste
Nun aber das lange ersehnte Étretat! Wer die Ausstellung Monets Küste – die Entdeckung von Étretat in diesem Frühjahr im Städel Museum in Frankfurt besucht hat, ist gut vorbereitet auf die landschaftlichen Eindrücke, die uns hier erwarten. Nicht so sehr allerdings auf den Besucheransturm, der dieses einst abgeschiedene Fischerdorf seit der Entdeckung durch die Impressionisten grundlegend verändert hat. Aber schon Monet hat auf seinen lichtdurchfluteten Gemälden die Menschen vielfach ausgeblendet. Also auf geht’s. Mit dem immer etwas peinlichen Petite Train - dem Pendant des Mainzer Gutenberg-Express - geht es hinauf auf die Klippe zu den Gärten von Étretat (Les Jardins d’Étretat). Warum „Gärten“ in der Mehrzahl bleibt schleierhaft. Angesichts der minimalistischen Bepflanzung, die fast ausschließlich aus wenigen Straucharten besteht, erscheint einigen von uns die Bezeichnung als „Garten“ schon gewagt genug.

Dennoch, dieser als neofuturistisch beschriebene Garten wurde 2019 als Gewinner des European Garden Award in der Kategorie „Beste Gestaltung eines historischen Gartens oder Parks“ ausgezeichnet. Der Ursprung des Gartens geht auf die Schauspielerin Madame Thébault zurück, die zu Beginn des 20. Jh. die kleine Villa, die noch heute im Garten liegt, bewohnte und die ersten Bäume pflanzte. Claude Monet war mit ihr befreundet und besuchte sie hier mehrfach. Die heutige Form des Gartens wurde jedoch erst 2015-2017 vom Landschaftsarchitekten Alexandre Grivko mit großem Aufwand geschaffen. Die Formen der geschnittenen Hecken aus Buchsbaum, Eiben, Steinlinden (Phillyrea angustifolia), Duftblüte (Osmanthus spec.), Wintergrüner Ölweide (Elaeagnus x ebbingei) und Stechpalmen spiegeln die Charakteristik der umgebenden Landschaft und des Meeres. Sie erinnern an Wellen, Schnecken, Muscheln oder an die Bögen der darunterliegenden Klippen. Eingebettet in die Pflanzung sind Kunstwerke, die den poetischen Ausdruck des Gartens verstärken.

Wem das zu viel Gedöns ist, dem bleibt immerhin die großartige Aussicht von der Terrasse des Gartens auf die Bucht von Étretat mit der Felsnadel und dem Felsentor von Aval im Hintergrund oder ein ausgedehnter Spaziergang entlang der Steilklippen.
Château de Miromesnil mit traditionellem Küchengarten
Sechster Tag. Wir bleiben heute den ganzen Tag in der Umgebung von Dieppe, wo wir ein komfortables Hotel mit etwas Patina direkt hinter der Strandprommenade bezogen haben. Erste Station am Vormittag ist das Château de Miromesnil in Tourville-sur-Arques. Am Tor erwartet uns, wie sich im Laufe der Führung herausstellen wird, ein vermeintlicher Enkel von Guy de Maupassant. Der berühmte Schriftsteller wurde in diesem Château im Jahr 1850 geboren. Auch die Besitzerin Nathalie Romatet begrüßt uns sehr herzlich und erläutert uns die heutige Nutzung und Unterhaltung des Anwesens. Bevor wir uns dem Gartenaspekt widmen, bekommen wir zunächst eine sehr unterhaltsame Führung zur Geschichte des Schlosses und seiner Kapelle aus dem 15. Jh. Erstmals geht es nun also hinein in eines dieser privaten, historischen Anwesen, die in vielen Fällen noch immer einen bedeutenden Beitrag zur europäischen Gartengeschichte leisten.

Im Anschluss an die Schlossführung haben wir noch Zeit, den 2500 m² großen Gemüsegarten (potager) zu erkunden. Dieser ist erneut von einer hohen Backsteinmauer umschlossen, an der heute Spalierobst, wie etwa die bereits 1850 selektierte Birnensorte 'Doyenné du Comice', gezogen wird. Die Anfänge dieses traditionellen französischen Küchengartens reichen bis in 18. Jh. zurück. Nach dem zweiten Weltkrieg hat die Großmutter der heutigen Besitzerin, Comtesse de Vogüé, ihn neu überarbeitet und einen sehr reichhaltigen Nutzgarten zur Versorgung des Anwesens geschaffen. Er zeichnet sich durch eine große Vielfalt an Gemüse, Obstgehölzen und üppige Blumenbeete aus und ist durch Rasenwege in vier Hauptfelder untergliedert.

Von den zuständigen Gärtnern ist an diesem Vormittag leider niemand anwesend, gerne hätten wir ein par Fragen gestellt, insbesondere zur blühenden Tuberose (Agave polianthes), mit der wir in Mainz so garkeinen Erfolg haben. Im Park auf der Rückseite des Schlosses beeindruckt dann noch eine 300-jährige Libanonzeder.
Prinzessin Sturdza und ihr Jardin Le Vasterival
Nach einer individuellen Mittagspause in Quiberville-sur-Mer, die man zum Spaziergang am Fuß der Klippen und zur Fossiliensuche nutzen konnte, geht es in einen der renommiertesten Gärten dieser Region. Der Jardin Le Vasterival ist ein 12 Hektar großer Privatgarten, der ab 1955 von Prinzessin Greta Sturdza (1915-2009), einer begeisterten Pflanzenliebhaberin und späteren Vizepräsidentin der Royal Horticultural Society, in einem Waldstück bei Saint-Marguerite-sur-Mer angelegt wurde. Der Garten ist weiterhin in Familienbesitz und wird heute von vier GärtnerInnen professionell gepflegt und weiterentwickelt. Eine ausführliche Besichtigung ist nur für angemeldete Gruppen im Rahmen einer gebuchten Führung möglich.

Greta Sturdza hat in Le Vasterival mit neuen Prinzipien und Techniken die moderne Gartengestaltung und Gehölzpflege maßgeblich beeinflusst. Ihr wichtigstes Ziel war es, Beete so zu gestalten, dass sie zu allen Jahreszeiten attraktiv sind. Um dies zu erreichen, baut sie in ihre Beete gezielt auch winterblühende Arten, Gehölze mit spektakulärer Herbstfärbung oder auffälliger Rindenstruktur, immergrüne Gewächse und Pflanzen mit spät reifenden Früchten ein. Alle Pflanzen werden entsprechend ihrer Wuchshöhe und Form so positioniert, dass ein zu allen Jahreszeiten überzeugendes, dreidimensionales Pflanzengemälde entsteht.

Damit aber eine dichte Staffelung unterschiedlicher Pflanzen funktionieren kann, ist es ganz entscheidend, die großen zentralen Leitgehölze des Beetes nicht zu dicht werden zu lassen. Um dem entgegenzuwirken, hat Greta Sturdza den inzwischen vielfach nachgeahmten „Transparenzschnitt“ der Gehölze entwickelt. Sträucher und Bäume werden von innen heraus behutsam so ausgelichtet, dass ihre natürliche Verzweigung sichtbar wird, Licht auf ihre Unterpflanzung fallen kann und die Blüten nicht mehr nur in der Peripherie der Zweige gebildet werden.

Man kann diese Prinzipien und Techniken in Le Vasterival bis heute sehr gut nachvollziehen, sofern man, wie wir, in einer Führung darauf hingewiesen wird. Denn die große gärtnerische Kunst liegt ja darin, dass alles ganz natürlich und harmonisch wirkt, so als wären die unterschiedlichen Pflanzen in stiller Übereinkunft zu diesen beeindruckenden Pflanzengemälden zusammengekommen.
Das hat uns wirklich gut gefallen. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit den erfahrenen GärtnerInnen von Le Vasterival, shoppen ein paar Pflanzen, Bücher und Gartenutensilien und ziehen verzaubert von dannen.
Wilde Botanik im Jardin Jungle Karlostachys
Siebter Tag. Kann jetzt noch was Spannendes kommen? Und ob! Wir verlassen Dieppe und fahren Richtung Norden bis ins kleine Städtchen Eu, wo es auf schmaler Straße tief in den Wald geht. Schließlich erreichen wir den Eingang zum Jardin Jungle Karlostachys, einem nicht nur atmosphärisch beeindruckendem Dschungelgarten. Hier sind wir mit Charles Boulanger verabredet. Er hat diesen Garten vor mehr als 20 Jahren angelegt, um wenig bekannte Pflanzenarten, die er auf Expeditionen in Ostasien und Südamerika sammelt, für die europäische Gartenkultur zu akklimatisieren. Er steht damit in der Tradition großer Pflanzenjäger wie Ernest Henry Wilson, den wir durch die Einführung des Taschentuchbaums im Jahr 1901 kennen. Es gibt heute kaum noch botanisch-gärtnerische Sammler wir Charles Boulanger, nicht zuletzt, weil die gesetzlichen Regelungen zur Einfuhr lebender Pflanzen nach Europa inzwischen deutlich verschärft worden sind. Man will dadurch die Einschleppung weiterer neuer Schädlinge oder invasiver Pflanzenarten verhindern. Die Regelungen sind allerdings sehr pauschal und treffen Gärtnereien und wissenschaftliche botanische Gärten gleichermaßen.

Charles Boulanger führt uns sehr unterhaltsam und routiniert zwei Stunden lang durch seinen unkonventionellen Garten. Was wir zu sehen bekommen, verschlägt selbst abgebrühten Pflanzen- und Gartenkennern die Sprache. Vor allem die unzähligen epiphytischen Bromelien an den Baumstämmen hat noch niemand von uns so gesehen. Charles Boulanger erklärt, dass die Züchtung winterharter Bromelien einer seiner Schwerpunkte ist. Er verwendet vor allem Aechmea-Arten, aber auch Bromelien der Gattungen Vriesea, Nidularia, Neoregelia und weitere, die er im Südosten Brasiliens in Rio Grande do Sul und Santa Catarina oft in Höhenlagen von über 2000 m gesammelt hat. Er muss dort versuchen, die kälteresistentesten Ökotypen der jeweiligen Arten zu finden, um diese in seinem Garten durch Selektion und Hybridisierungen weiter zu züchten bis er irgendwann robuste, winterharte Sorten für europäische Gärten erhält. Das ist ihm bisher noch nicht vollständig gelungen, viele der größeren Epiphyten überwintert er in einem Gewächshaus. Aber einige seiner Bromelien haben schon Temperaturen von -10°C überstanden.

Neben den Bromelien wuchern im Jardin Jungle große Bambushorste, darunter Dickichte aus Kletterbambus der südamerikanischen Gattung Chusquea, ungewöhnliche Rhododendron-Arten, prächtig blühende Ingwergewächse (Hedychium), Passionsblumen, Araliengewächse der Gattungen Heptapleurum und Brassaiopsis, die aus Gebirgsregionen in Südchina und Vietnam stammen, des Weiteren Bananengewächse und Palmen, schnell wachsende Küstenmammutbäume (Sequoia) und Eucalyptus-Arten, zudem eine große Sammlung von Seerosen und anderen Wasserpflanzen in riesigen Bottichen. Und so weiter, und so weiter, unmöglich, hier alles aufzuzählen.

Viele dieser ausgefallenen Arten würden es im trockeneren und im Winter etwas kälteren Mainz nicht schaffen. Aber wir kaufen für den Botanischen Garten dann doch noch ein Araliengewächs, eine Heptapleurum delavayi, die Charles Boulanger bereits 2003 in Yunnan, im Südwesten Chinas in 2600 m Höhe gesammelt hat und seither erfolgreich im Jardin Jungle kultiviert. Mal sehen, ob wir ein wenig Jungle-Flair im Mainzer Botanischen Garten etablieren können.
Gilles Clément und die Jardins de Valloires
Und dann, zwei Stunden später, stehen wir schon vor dem letzten Garten unserer Reise, der nun auch konzeptionell die Klammer mit dem französischen Garten von André le Nôtre in Chantilly schließen wird. Die Jardins de Valloires in Argoules, die wir nun betreten, sind aus den Gartenanlagen einer Zisterzienserabtei aus dem 12. Jh. hervorgegangen. Mitte des 18. Jh. wurde die Abtei neu errichtet, erlosch dann aber mit der Französischen Revolution. Der vollständig erhaltene Gebäudekomplex wird heute als soziale Einrichtung genutzt. Die Besichtigung beschränkt sich daher auf die Gärten von Valloires, die 1987 von Gilles Clément völlig überarbeitet worden sind.

Gilles Clément, geboren 1943 in Argenton-sur-Creuse, gilt weltweit als einer der einflussreichsten Gartengestalter der Gegenwart. Er ist Gärtner, Landschaftsplaner, Philosoph, Lehrer, Schriftsteller, Biologe. Seine Gartengestaltungen folgen drei wegweisenden Konzepten, die er in Essays und Büchern ausführlich dargelegt hat: Le Jarden en Mouvement – der Garten in Bewegung, betont seine Auffassung, dass der Gärtner der Natur so weit wie möglich freien Lauf lassen soll. Pflanzen sollen sich selbst aussäen und ihren Standort im Garten gemäß ihrer natürlichen Dynamik verändern dürfen. Le Tiers Paysage – die dritte Landschaft, verweist auf die große Bedeutung der Brachflächen, Wegränder und verwilderten Areale als Rückzugsort der biologischen Vielfalt. Le Jardin Planétaire – der planetarische Garten, schließlich, sieht die gesamte Erde als einen geschlossenen Garten mit begrenzten Ressourcen, für den die Menschheit die ökologische Verantwortung trägt.

In den Jardins de Valloires sind diese Konzepte nicht alle umgesetzt. Der Garten ist in vielen Bereichen sehr klar strukturiert und zeichnet sich durch ein enorm breites Pflanzenspektrum aus, das auf den lokalen Sammler Jean-Louis Cousin zurückgeht. Dessen Pflanzensammlung sollte hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dennoch, Gilles Cléments philosophisches Denken ist auch hier erkennbar, am stärksten vielleicht im Garten der Evolution (Jardin de l’evolution), den er hier im Jahr 2004 ergänzt und dem französischen Naturforscher und Evolutionsvordenker Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) gewidmet hat.

Der Rundgang in den vielfältigen und noch immer üppig blühenden Themengärten der Jardins de Valloires bietet trotz kurzer Regenschauer einen wunderbaren Abschluss unserer Gartenreise, die uns vor Augen geführt hat, wie Gärten den Blick auf die Natur einer ganzen Epoche spiegeln können. Die Begegnung mit der Geschichte dieser Gärten, mit den Ideen und der Leidenschaft ihrer Gestalter hat aber auch unseren Blick auf die Vielfalt der Pflanzen und deren Bedeutung bereichert.
Literatur
Clément, G. (1987). Die Weisheit des Gärtners. Matthes & Seitz, Berlin.
Clément, G. (2015). Gärten, Landschaft und das Genie der Natur. Reihe Fröhliche Wissenschaft 059. Matthes & Seitz, Berlin.
Goetz, A. (2015). Monet in Giverny (É. Sander, Fotos). Alain de Gourcuff.
Huber, A. & N. Raji (2026). Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat - eine einführung. Städel Museum, Frankfurt.
Michelin. (2025). Normandie, vallée de la Seine (Le Guide vert). Michelin Éditions.
Princesse Sturdza, G. (2005). Un jardin pour les quatre saisons. Le Vasterival ou l'art de créer des massifs attrayants toute l'année. Ulmer, Paris.
Vanitou, A. (2022). Guide des jardins remarquables en Normandie. Éditions du Patrimoine.
Schweizer, S. (2025). André le Nôtre und die Erfindung der französischen Gartenkunst. Wagenbach, Berlin.
Reiseverlauf
Samstag, 29. August | Anreise von Mainz und Zwischenübernachtung in Chantilly | Gärten von Schloss Chantilly | Übernachtung in Chantilly
Sonntag, 30. August | Weiterfahrt nach Giverny: Haus und Garten von Claude Monet; danach Jardin des plantes de Rouen | Übernachtung in Rouen
Montag, 31. August | Gärten und Parks rund um Rouen: „Angeliques Gärten“ in Montmain, Lyon-la-Fôret (Mittagspause), Schloss und Gärten von Château de Vascoeuil, Stadtführung in Rouen | Übernachtung in Rouen
Dienstag, 1. September | Die hängenden Gärten von Le Havre, Hafenstädtchen Honfleur, Calvados-Destillerie | Übernachtung in Rouen
Mittwoch, 2. September | Abtei Saint-Georges in Saint-Martin-de-Boscherville; Jardins d’Etretat; Kreideklippen; Weiterfahrt nach Dieppe | Übernachtung in Dieppe
Donnerstag, 3. September | Schloss und Schlossgärten von Miromesnil, Quiberville-sur-Mer (Mittagspause am Meer), Besuch des Gartens Jardin Le Vasterival in Sainte-Marguerite-sur-Mer | Übernachtung in Dieppe
Freitag, 4. September | Jardin jungle in Eu, Klostergärten der Abtei von Valloires | Übernachtung in Lille Marcq-en-Baroeul
Samstag, 5. September | Abstecher auf die Braderie de Lille (optional) | Rückreise nach Mainz

REISELEITUNG
Ralf Omlor, Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Odile Landragin (Übersetzungen und gärtnerische Aspekte)
VERANSTALTER
Freundeskreis Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz e.V. in Zusammenarbeit mit Gruppenreisen in Frankreich – Wir sind Frankreich GmbH, Philippe Masson, Karlsruhe und mit dem Omnibusbetrieb Nahegold in Pfaffen-Schwabenheim.
Text und Fotos: Ralf Omlor